2002 - Zweite Venediger Hütten-Hochtour

 

DER FILM ZUM BERGTOUR-BERICHT (ca. 90Min)

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Bergtour-Bericht in Text und Bild:

Ort und Umgebung:
 
Das Virgental mit seinem Hauptort Virgen (1194m) sowie den Nebenorten Prägraten und Hinterbichl liegt, umrahmt von den Bergmassiven des Venediger- und Lasörlinggebietes mit zahlreichen 3000er Gipfeln, in Osttirol in unmittelbarer Nähe des Felbertauertunnels im Nationalpark Hohe Tauern. Das Virgental wird wegen seiner südlichen Aussrichtung und der dadurch resultierenden, ungewöhnlich großen Sonneneinstrahlung und dem milden Mittelmeerklima auch das Meran Osttirols genannt. Virgen ist eine alte keltische Siedlung, wurde 1170 erstmals urkundlich erwähnt und hat heute ca. 2000 Einwohner
 
 
Wegbeschreibung:
A1/A44/A7/A3/A9/A99/A8 bis Inntaldreieck, A93/A12 bis Abfahrt Kufstein. Autobahn verlassen und B312/B161/B108 durch Felbertauerntunnel bis Abfahrt Matrei in Osttirol. Von hier über Matrei nach Virgen (ca. 1000km Gesamtstrecke)
 
Organisation und Tourenplanung:
Auch dieses Jahr wurde die Gesamttour durch mich organisiert geplant und fand in der Zeit vom 06.09. bis 14.09.2002 statt. Auch dieses Mal wurde der Routenverlauf und damit die Woche wie folgt vorgeplant.
 
Geplanter Routenverlauf:
Virgen, Johannishütte, Defreggerhaus, Großvenediger-Gipfel(3674m) oder Johannishütte, Sajathütte, Bonn-Matreier Hütte, Galtenscharte,  Badener Hütte, Alte Prager Hütte, Neue Prager Hütte, Venediger Haus, Matreier-Tauern Haus, Virgen
 
Unterkunft:
Als Hauptunterkunft nahmen wir auch dieses Mal wieder den Hof Assmair aus bekannten Gründen an. Zweckmäßige und günstige Bleibe mit von der letzten Tour her bekanntem Flexibilitätsangebot. Während der Tour selbst übernachten wir wieder in den erwanderten Hütten.
 
Teilnehmer:
Dieter Henke, Norbert Gravermann, Winfried König, Werner Mengelkamp, Norbert Schmidt, Sebastian Schmidt, Josef Wesselborg
 
Besonderes:
Dieses Mal ist mein ältester Sohn Sebastian als Neuling dabei. Ich habe darauf Wert gelegt, dass er von Anfang an vernünftige und bereits eingelaufene Bergschuhe trägt, denn ihm soll Werners Blasenerlebnis aus 1998 erspart bleiben. Da wir dieses Mal im Vorfeld ab Frühling 2002 gemeinsames Ausdauer-(z.B.Joggen u. Radfahren) und Krafttraining angeboten haben, die einen daran teilgenommen, die anderen anderweitig trainiert haben, sollten eigentlich alle fit und die Konditionsunterschiede nicht so groß wie bei der letzten Tour sein. Da wir seit Jahresanfang den Euro als unsere Gemeinschaftwährung nennen, haben wir auf dieser Tour den Vorteil, nicht mehr umtauschen oder umrechenen zu müssen. Wir werden allerdings auch die Nachteile der Währungsumstellung deutlich zu spüren bekommen.
 

Tourverlauf:

 

Freitag 06.09.2002 (Anreisetag):
 
Wie in den Vorjahren brechen wir auch in dieser Nacht wieder früh um 2.00 Uhr zu unserer Tour auf. Dieses Mal absolvieren wir die Fahrt mit Winfrieds und meinem Privatwagen und sind daher auch schon recht früh in Österreich. Nachdem wir Kitzbühel durchfahren, den Paß Thurn (1274m) überfahren und Mittersill fast erreicht haben, machen wir gegen 11.30 Uhr unsere Mittagspause. Hier kommt uns angesichts der Tatsache, daß wir heute sehr früh dran sind, spontan die Idee, die Krimmler Wasserfälle zu besuchen und alle sind begeistert. Denn mit einer Gesamthöhe von 380m zählt er weltweit zu den höchsten. Schon von weitem kann man seine gewaltigen Wassermassen den Berg hinunterfallen sehen. Um 12.15 Uhr befinden wir uns auf dem Parkplatz und müssen von hier aus ca. 10 Minuten laufen.
 
Am Krimmler Wasserfall: Am Kürsinger Platz (1090m) angekommen, haben wir einen tollen Ausblick auf Europas höchstem Wasserfall. Hier lassen wir uns von einem netten englischen Passanten fotografieren.
 
 
Dann gehen wir den 4km langen Wasserfallweg hoch, an dessen Ende wir uns oberhalb des Wasserfalls befinden. Hier an der Schettkanzel (1470m) erreicht die Krimmler Ache, die den Krimmler Kees (Kees=Gletscher) in 20km Entfernung verläßt und dann meist über flache Almböden abfließt, den Talausgang und bricht in einer Höhenlage von 1470m in drei gewaltigen Stufen in das Krimmler Becken ab. Die erste Stufe, über die wir uns nun befinden, ist dabei 140m hoch.
 
Wir machen einige Fotos und Filmszenen von diesem gewaltigen Naturschauspiel, genießen den imposanten Talblick und gehen dann, wieder dem Wasserfallweg folgend, zurück. Dabei bleiben wir immer wieder stehen und verfolgen die stürzenden Wassermassen an allen möglichen Aussichtsstellen. Dann setzen wir uns zu einem Radler bzw. Weizenbier auf die Sonnenterasse am Gasthof Schönangerl (1306m) und machen eine ausgedehnte Pause, bevor wir weiter hinunter gehen.
 
Wir besichtigen auch die zweite 100m hohe und die unterste, mit über 140m gewaltigste Stufe des Wasserfalls und befinden uns um 15.00 Uhr wieder am Kürsinger Platz, wo Winfried seine diesjährige Souvenirjagd eröffnet. Danach fahren wir auf direktem Weg zum Hof Assmair, wo wir die Autos entladen, unsere Zimmer zugewiesen bekommen, dann den ersten Restaurantbesuch absolvieren und wieder am Bergbauernhof angekommen, Karten spielen.
 
Gesamtstrecke: 4km / 380hm+ / 380hm- / 2,5Std
 
Schwierigkeitsgrad: leicht
Samstag 07.09.2002 (Akklimatisationstag):
 
Rundwanderung über Gottschaunalm und Nilljochhütte: Als wir am nächsten Morgen zu unserer ersten Tour starten, genießen wir herrliches Wetter. Wir gehen ins Dorf und von dort Richtung Gottschaunalm, denn durch unsere letztjährigen Erzählungen sind auch die anderen neugierig auf dieses Erlebnis. Über den Forstweg gelangen wir langsam an Höhe bis zu einem kleinen Wasserfall, wo wir uns erfrischen. Danach probieren Norbert und Dieter einen Querweg. Sie finden den richtigen Weg zwar nicht, dafür aber bald wieder zu uns zurück. Gegen 12.00 Uhr sind wir, noch relativ fit, auf der Gottschaunalm (1945m) angelangt und genießen wieder das prächtige Bergpanorama, frschen Kakao, Fruchtsäfte und Krapfen. Zum Abschluß bekommen wir als Spendendank wieder je einen Fruchtlikör.
 
Dann gehen wir fast ohne Steigung weiter zur Nilljochhütte (1990m) und wandern dabei zeitweise wieder auf Pfaden, die wir letztes Jahr schon begangen haben. Als wir uns der Hütte nähern, wird Werner auf einmal schneller. Er äußert die Vermutung, dass sein Magen die frische Almsahne wohl nicht so gut vertragen hat und geht schon mal vor. Nachdem er von der Toilette herunter gefunden hat und wir noch ein bißchen pausiert haben, gehen wir gemeinsam zurück ins Tal.
 
Zurück in Obermauern besuchen wir die kleine Wallfahrtskirche "Zu unserer lieben Frau Maria Schnee". Die Beschreibung für viele Alpenkirchen paßt hier wortgenau: Außen von schlichter Schönheit, innen ein Juweel.
 
Sie ist mit vielen Freskenmalereien aus dem 15. Jahrhundert geschmückt und wirkt auf uns wie ein riesiges Bilderbuch. Wir haben Glück und können noch das Ende einer Berghochzeit mit vielen Tiroler Trachten beobachten, bevor wir zum Assmair-Hof zurückkehren und unser Abendprogramm beginnen.
 
Etappe Virgen-Gottschaunalm: 4km / 751hm+ / 2,5Stdn
Etappe Gottschaunalm-Nilljochhütte 4km / 85hm+ / 40hm- / 1Std
Etappe Nilljochhütte-Virgen 5km / 796hm- / 1,5Std
 
Gesamtstrecke: 13km / 836hm+ / 836hm- / 5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: leicht
Sonntag 08.09.2002 (1.Hüttentourtag):
 
Von Virgen zum Defreggerhaus: Nach einem stärkenden Frühstück starten wir heute zunächst von Virgen (1194m) nach Hinterbichl, um dort unsere Hüttentour zu beginnen. Dankenswerter Weise bietet sich der Assmair-Sohn an, uns mit seinem Privat-PKW bis nach Hinterbichl (1331m) zum Venedigertaxi zu fahren. Um 9.30 Uhr sind wir alle pünktlich dort, so daß wir unsere Rucksäcke ins gerade vorfahrende Lastentaxi einpacken können. Josef und Winfried fahren als Gepäckbegleitung mit, denn sie wollen sich anfangs noch schonen und wir werden uns gegen Mittag auf der Johannishütte treffen, um dann die zweite Etappe bis zum Defreggerhaus gemeinsam zu gehen. 
 
Norbert, Werner, Dieter, Sebastian und ich warten das Verstauen nicht ab, sondern wandern bei schönstem Wetter direkt los. Ohne Rucksack ist das Wandern natürlich sehr erleichtert und wir benutzen mal den Fahrweg, auf dem uns das Venedigertaxi bald überholt, mal die Querwege. Wir gewinnen anfangs langsam, nachdem wir einen Marmorsteinbruch durchwandert haben, immer schneller an Höhe, gehen zeitweise parallel des Dorferbaches und bewundern die Bergwelt des Dorfertales.
 
Da dieser Abschnitt der heutigen Tour nicht besonders schwierig aber sehr lang ist, erfrischen wir uns an eine der zahlreichen natürlichen Quellen, bevor wir das Gumbachkreuz (1991m) erreichen, dort eine Rast einlegen und die Aussicht genießen. Über dem Talschluß thront die "altehrwürdige Majestät", wie der Venediger (3674m) im Virgental genannt wird, zur anderen Seite hebt sich der recht spitze Lasörlinggipfel (3098m) von seiner Umgebung ab, eine Flanke wird durch das von uns letztmalig bereits überwanderte Türmljoch (2790m) geschlossen, die andere durch die ebenfalls durchwanderte Zopetscharte (2958m).
 
Nach einem letzten kurzen Anstieg über einen Buckel taucht dann auch die Johannishütte (2121m) vor uns auf, im Hintergrund der gewaltige Felsaufbau des Großvenedigers (3674m). An der Hütte angekommen, treffen wir auf der Sonnenterasse wie geplant unsere zwei ausgeruhten Bergfreunde Josef und Winfried.
 
Wir genießen je ein Radler oder Weizen, um dann aber gleich unsere Rucksäcke zu schultern, denn wir haben noch eine etwa gleichlange, aber wesentlich steilere Wegstrecke vor uns. Diese Strecke blieb uns beim letzten Mal wegen Vereisung verwehrt, aber sie ist auch im trockenen Zustand nicht ohne.
 
Nachdem wir den Zettalunitzbach überquert haben, erwandern wir den Moränensteig am Mullwitzhang und gewinnen schnell an Höhe. Auf einem kleinen Steilanstieg reißt mir plötzlich ein Schultertragriemen meines vollbepackten und ca 13Kilo schweren Tourenrucksackes. Das Tragen wird dadurch doppelt schwer und der verbliebene Riemen reißt an der Schulter. Am Dorfer Almboden angelangt, einer Flachstelle im ansonsten steilen Anstieg, knote ich den defekten Riemen notdürftig zusammen. Eine optimale Laufhaltung ist dadurch jedoch nicht mehr möglich. Da wir das Defreggerhaus nun aber schon in der Ferne erblickt haben, ist auch ein Ende dieser Tortur absehbar.
 
Auch die Kondition der anderen schwindet und der jetzt bevorstehende, nochmals sehr steile Restaufstieg unterhalb des Mullwitzköpfles (2957m) wird zur äußerst harten Kraftprobe, aber mit zeitweise zusammengebissenen Zähnen überwinden wir auch diese Hürde und erreichen das Defreggerhaus (2962m). Dort bauen sich unsere Kräfte schnell wieder auf. Wir lassen uns das Nachtlager zuweisen und erfrischen bzw. erholen uns. Dieter repariert meinen Rucksack zumindest so, daß ich diesen wieder bequem tragen kann.
 
Etappe Hinterbichl-Johannishütte: 6km / 720hm+ / 2Stdn
Schwierigkeitsgrad: mittel
 
Zum Mullwitzaderl: Nach dem Essen ist es noch hell und Sebastian macht mit mir noch eine Kleintour um die Hütte. Wir gehen zunächst zu einer Felswächte (Felsüberhang) in Richtung Mullwitzköpfle und genießen das grandiose Bergpanorama. Wir stehen direkt am Abgrund über dem durch bis 60m tiefe Spalten zerklüfteten inneren Mullwitzkees und genießen einen herrlichen Rundblick auf das Dorfertal und die angrenzenden Gebirge. Irgendwo in der Ferne zeugt ein nicht zu überhörendes Grollen davon, daß sich die gewaltigen Felsmassive in Bewegung befinden und sich Geröll gelöst hat. Ansonsten ist es so ruhig hier oben, daß man fast seinen eigenen Herzschlag hört. Hier schöpft man vor allem mentale Kraft.
 
Wir gehen wieder zurück, dann aber an der Hütte vorbei bergan zum 3000m-Höhenkreuz und von dort auf das Mullwitzaderl (3241m), einem schmalen Felsgrat zwischen dem inneren und äußeren Mullwitzkees. Wir können uns kaum losreißen von den phantastischen Ausblicken hier, aber da es nun immer mehr dämmert, gehen wir zur Hütte zurück.
 
Kaum dort angekommen, treffen wir auf den Bergführer Stefan Klaunzer. Da wir uns mit dem Gedanken tragen, wenigstens dieses Mal den Venediger zu besteigen, möchten wir diesbezüglich gern mehr Infos von ihm. Er will morgen früh mit elf Bergsteigern auf den Gipfel. Da wir nicht alle vollzählig sind, stelle ich ihm die notwendigen Fragen nach Ausrüstung, Zeitpunkt und Preisen. Als er uns erklärt, dass der Preis für Bergführungen 63€ pro Person beträgt, verschlägt es mir schon fast die Sprache. Vor zwei Jahren sollten wir noch umgerechnet 55DM zahlen, vor wenigen Monaten bekam ich beim telefonischen Info einen Preis von 48€ genannt und jetzt dieser Betrag. Da er der frühen morgigen Tour wegen ins Bett möchte, verständige ich mich mit ihm insofern, daß wir uns bei Interesse vorab telefonisch melden und dann die Neue Prager Hütte anwandern, um von dort eventuell am Mittwochmorgen den Gipfel zu besteigen. Bei unserer internen Beratung während den folgenden Kartenspielen verabschieden wir uns aber schon bald gedanklich von der Gipfeltour, da wir diesen Preissteigerungen nicht folgen wollen.
 
Das Thema €uro beschäftigt uns noch einige Zeit, da auch die Hüttenpreise kräftig angezogen haben. So sollen wir zum Beispiel 5 Euro für das Frühstück am nächsten Morgen bezahlen und sind auf den Gegenwert gespannt. Irgendwann sind wir dann auch müde und verziehen uns in die Betten.
 
Etappe Johannishütte-Defreggerhaus: 5km / 890hm+ / 50hm- / 2,5Stdn
Gesamtstrecke: 11km / 1610hm+ / 50hm- / 4,5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: schwer (insgesamt schwer)
Montag 09.09.2002 (2.Hüttentourtag):
 
Vom Defreggerhaus zur Sajathütte: Früh morgens werden wir bereits weit vor 6.00 Uhr durch die Aktivitäten der aufstehenden Gipfelstürmer geweckt. Schon vor dem Sonnenaufgang bin ich ebenfalls draußen und sehe mir diese Vorbereitungen und den Aufbruch der Bergsteiger an. Noch ist die Sonne hinter den Berggipfeln versteckt, der Nebel hängt tief in den Tälern und die Luft hier oben ist glasklar. Dann beginnen die Berggipfel im Sonnenaufgang förmlich aufzuglühen. Durch dieses Naturschauspiel vergesse ich fast die Zeit und als ich wieder zur Hütte komme, sitzen die anderen bereits am Frühstückstisch. Das 5€uro-Frühstück, welches aus drei Scheiben Brot, einer Portion Butter, einem Hoteltöpfchen Konfitüre und einem Pott Kaffee oder Kakao besteht, macht uns zwar nicht satt, aber wenigstens wach.
 
Anschließend gehen wir nochmals gemeinsam zum Aussichtpunkt an der Felswächte etwas oberhalb der Hütte und bestaunen sowohl die mittlerweile im gleißenden Sonnenlicht stehenden Gipfel rund um uns als auch die großen imposanten Gletscher. Auf dem Mullwitzkees können wir per Fernglas auch die eben erwähnte Bergsteigertruppe Richtung Venedigergipfel wandern sehen. Über diese Kulisse thront der Venediger selbst vor wolkenlosen Himmel und wir beneiden die heutigen Gipfelstürmer, denn sie werden hier und heute eine gewaltige Aussicht genießen. Es ist jetzt 9.00 Uhr und auch wir müssen uns nun losreißen und unsere Tagestour beginnen, denn wir haben wieder einen langen und an Höhenmetern reichen Weg zur Sajathütte vor uns.
 
Heute schaffen wir den ersten Teil natürlich schneller, da es bergab geht. Daher sind wir, begleitet vom lauten Pfeiffen der Murmeltiere, schon sehr früh und fit an der Johannishütte (2121m). Wir passieren diese lediglich und wandern gleich in Richtung Sajathütte weiter. Ab hier geht es heute zunächst auf einem Teilstück des Venediger Höhenweges steil in die Höhe und Werner fällt wegen seinem falsch sitzendem und damit am Rücken reißenden Rucksack zurück. Wir machen unsere erste heutige Rast und der Rucksackspezialist Dieter schafft Abhilfe, indem er die Tragegurte richtig einstellt. Hier bemerken wir erstmalig, dass Norbert Gravermann sich immer wieder Notizen in einem eigens dafür mitgeführtem Buch macht und unsere Neugier auf diese Eintragungen ist geweckt. Er meint dazu nur, wir müßten noch bis zum Ende der Tour abwarten, dann würde er das Buchgeheimnis lüften.
 
Als wir nach einiger Zeit wieder aufbrechen, kann Werner unserem Schritt dank des jetzt leichter zu tragenden Rucksackes folgen. Nachdem wir die Abzweigung zur Zopetscharte passiert haben, wird unser Pfad enger und gefährlicher, denn wir bewegen uns jetzt ohne größeren Höhenmetergewinn in immer steilerem Gelände. Wir durchwandern mehrere Bachläufe und einige Geröll-Absturzrinnen. In einer von ihnen stelle ich mich seelenruhig zum Filmen und werde von meinen Bergfreunden auf ein Warnschild aufmerksam gemacht: "Vorsicht Steinschlag, Lebensgefahr!" Von unserem Standpunkt aus geht es hier fast senkrecht über glatt geschliffene Felsen laut Karte ca. 700m abwärts bis zum Dorferbach am Fuße des Dorfertales und ein Absturz wäre hier sicher tödlich. Über uns nochmals etwa 200m Felsrinne, aus der wohl regelmäßig Geröll nachrutscht, zumindest lassen dies relativ frische Schlagspuren vermuten. Vielleicht war hier die Ursache des gestrigen Donnergrollens zu suchen.
 
Wir sind immer begeisterter von den uns bietenden Ausblicken und machen nochmals eine kleine Rast auf einem Felsvorspung. Wir können von hier aus schon die Sajatscharte und die rote Säule (Klettersteiggipfel) sehen. Gegenüber von uns über das Dorfertal hinweg erblicken wir viele 3000er Gipfel und eine grandiose Natur. Der Wind bläst hier aber so unangenehm stark und kalt, daß wir schnell auskühlen und schon bald weitergehen. Nach dem letzten Steilstück, daß unsere Kondition heute erstmals echt beansprucht, erreichen wir die Sajatscharte (2750m). Von hier oben haben wir nun Ausblick in zwei Täler. Zur einen Seite wie bisher ins Dorfertal, zu anderen Seite ins Virgental. Hier verschnaufen wir eine Weile und genießen die Berglandschaft in allen Blickrichtungen.
 
Die Sajathütte schon in Sicht, haben wir nun das letzte Steilstück dorthin vor uns, dieses Mal wieder abwärts. Besondere Vorsicht ist geboten, denn zeitweise sind wir gedanklich schon unter der Dusche! An Sicherungsseilen geht es jetzt gefährlich und fast senkrecht hinunter und unsere Trittsicherheit wird nochmals geprüft. Sebastian verspürt erstmalig Unsicherheit und ein flaues Magengefühl, meistert aber diese Stelle mit viel Vorsicht bravourös. Das folgende Schottergelände durchwandern wir wieder sicherer, queren zuletzt den Klettersteig zur roten Säule (2879m) und haben unser heutiges Ziel, die Sajathütte (2600m) endlich erreicht.
 
Etappe Defreggerhaus-Johannishütte: 6km / 50hm+ /890hm- / 2Stdn
Etappe Johannishütte-Sajathütte: 5km / 730hm+ / 250hm- / 2,5Stdn
 
Gesamtstrecke: 11km / 780hm+ / 1140hm- / 4,5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: mittel
Dienstag 10.09.2002 (3.Hüttentourtag):
 
Von der Sajathütte zur Bonn-Matreier Hütte: an diesem Morgen verspricht ein herrlicher Sonnenaufgang wieder schönes Wetter, aber es soll ganz anders kommen. Beim ersten Blick aus unserem Zimmerfenster erhebt sich direkt vor uns auf der anderen Seite des Virgentales im Licht der aufgehenden Sonne der Berger Kogel (2656m), dahinter etwas versetzt der Lasörling (3098m). Nach einem dieses Mal sehr reichhaltigem Frühstück brechen wir gegen 9.00 Uhr auf. Die heutige Etappe gehört technisch nicht zu den schwierigsten, ist jedoch aufgrund ihrer Streckenlänge und der zu überwindenden Höhenmeter konditionell anspruchsvoll.
 
Zunächst wandern wir langsam an Höhe verlierend, parallel zum Virgental auf dem Prägraten-Höhenweg, rechts unter uns das gleichnamige Dorf. Links über uns thront der vordere Sajatkopf (2913m). Nach einiger Zeit öffnet sich das Timmeltal linksseitig vor uns und wir sehen weit in der Ferne am Talschluß liegend die Eisseehütte, die wir während unserer letzten Hüttentour bereits erwanderten, heute aber nicht unser Zeil ist. Wir wandern über die Wallhorner Alm und passieren dort am Talboden den Timmelbach und die Ochsnerhütte (2100m). Nach leichter Irritation und kurzzeitigem Wegesuchen finden wir den richtigen Pfad wieder. Dieser steigt gleich wieder sehr steil an, bis er sich mit dem Verbindungsweg Eisseehütte zur Bonn-Matreier Hütte auf nun schon wieder 2400m vereint.
 
Jetzt befinden wir uns auf dem bekannten Venediger Höhenweg, den wir auf unserer letzten Tour entgegengesetzt bewanderten. Wir verlassen zunächst ohne größere Höhenunterschiede das Timmel- und wechseln wieder ins Virgental. Hier auf dem Geröll des Wunwand- Südhanges empfangen uns wieder die auf der letzten Tour schon bestaunten Quarzbrüche und Edelweißwiesen.
 
Bevor wir den Gollingbuckel (2600m) erreichen, wird die Umgebung im plötzlich aufziehenden Nebel immer unwirklicher. Als wir diesen mühevoll überwunden haben, ist der Nebel bereits so dicht, dass wir eine Sicht kaum über 20m und das Gefühl haben, uns in einer Waschküche zu befinden, denn die Luft ist eigenartig warm und die Luftfeuchtigkeit beträgt fühlbar über 90%. Das Atmen wird dadurch immer schwerer und es dauert nicht mehr lange, da kommt was kommen muß: Der Nebel verdichtet sich zu schweren Wolken, diese öffnen ihre Schleusen und wir werden verdammt naß.
 
Wir steigen im Regen langsam weiter an, bevor wir am nächsten Steilstück, dem Eselrugg´n (2680m), wieder zum Sandboden absteigen müssen. An dieser Stelle bekommen wir noch größere Probleme, denn Winfried´s Kreislauf sackt plötzlich in den Keller. Sein Puls rast, kalter Schweiß rinnt ihm über die Stirn und sein Gesicht ist kreidebleich. Trotz des immer noch leichten Regens legen wir sofort eine Regenerationspause ein, beruhigen und umsorgen ihn und machen uns Gedanken über die nächsten nötigen Schritte, falls sich sein Kreislauf nicht stabilisiert, haben dennoch Hoffnung, daß alles gut geht und nach einer Weile hat sich sein Zustand soweit gebessert, daß wir wieder aufbrechen können. Norbert übernimmt das Tragen seines Rucksackes und je eine Person vor und hinter ihm übernimmt die Überwachung seines Befindens während des unumgänglichen Abstiegs. So überwinden wir diese heikle Stelle und befinden uns danach auf dem Sandboden (2500m).
 
Dort angelangt und unser Ziel jetzt in sichtbarer Reichweite, erfrischen wir uns und vor allem Winfired an einer der vielen hier entspringenden Quellen. Wir lassen uns Zeit und essen ein wenig, bevor wir gemeinsam den letzten, aber nochmals knackigsteilen Anstieg zur Bonn-Matreier Hütte (2750m) überwinden und uns dort entgültig von den vorangegangenen Strapazen erholen.
 
Gesamtstrecke: 10km / 1000hm+ / 710hm- / 5Stdn
Schwierigkeitsgrad: mittel
 
Wir tragen uns wie gewohnt ins Hüttenbuch ein und erledigen die übliche Prozedur, um danach unseren heutigen ersten Jagertee ganz besonders zu genießen. Das Wetter bessert sich zumindest kurzzeitig, die Temeraturen fallen aber plötzlich in den Keller. Winfried ist erfreulich schnell wieder auf dem Damm. Als wir nach dem Essen wie gewohnt Karten spielen, schneit es draußen leicht. Da Werner, Sebastian und ich noch gut drauf sind, bilden wir heute den harten Kern, der länger aufbleibt. Und weil Gitti, unsere nette Bedienung, ihre Freundin zu Besuch hat und mit ihr und dem Hüttenwirt deren Ankunft feiert, fällt es nicht auf, daß wir erst nach 1.00 Uhr schlafen gehen.

Mittwoch 11.09.2002 (4.Hüttentourtag):

 
Von der Bonn-Matreier Hütte zur Neuen Prager Hütte: Wir wollen heute eigentlich von der Bo-Ma Hütte über die Kälber- (2791m) und Galtenscharte (2882m) zur Badener Hütte. Als wir an diesem Morgen aus dem Fenster schauen, sind wir überrascht, denn draußen liegt mindestens 3cm Neuschnee, teils mit leichten Verwehungen. Wir ahnen schon, daß so unsere für heute geplante Route in Frage gestellt ist. Nach Aussage des Hüttenwirtes Georg soll es zumindest heute morgen noch weitere Schneefälle geben. Für die nächsten Tage ist aber Wetterbesserung angesagt.
 
Das hat zur Folge, dasß die Galtenscharte, die wir heute überwinden müssten, auf der Nordseite völlig eingeschneit ist. Da sie 150m höher liegt und ohnehin trotz der angebrachten Seilsicherungen als schwer begehbar gilt, rät uns Georg angesichts der wahrscheinlichen Vereisung dringend davon ab, heute diese Route zur Badener Hütte zu gehen. Wir nehmen diese Warnung sehr ernst und diskutieren den weiteren Tourverlauf.
 
Wir sehen nur eine Alternative: Entweder hier oben ausharren und auf Besserung warten oder hinunter ins Dorf, mit dem Bus ins Gschlößltal und von dort aus der geplanten Route entgegengesetzt wandern. Nach eingehender Beratung entschließen wir uns, zunächst gemeinsam nach Virgen abzusteigen, um dann weitere Entscheidungen zu treffen. Um 9.00 Uhr brechen wir auf und wählen den Weg über die Gottschaunalm.
 
Wir gehen zunächst wenige hundert Meter Richtung Säulkopf, bevor unsere heutige Route rechts abknickt in Richtung Kälberscharte. Nach wenigen Metern verzweigt sich der Weg nochmals. Wir verlassen nun den ursprünglich geplanten Venediger Höhenweg nach rechts und gehen Richtung Goasschärtle (2590m), einer alten Viehscharte. Bis kurz vor der Scharte gehen wir dabei abwärts, dann ca. 100hm recht steil bergan.
 
Als wir die Scharte durchschritten haben, folgt die nächste Überraschung. Etwa 50m vor uns steht ein stolzer Steinbock auf einem Felsblock und schaut uns stolz aber neugierig an. Bei ihm sein kleines Rudel. Noch nie haben wir ihn in freier Wildbahn gesehen und sind fasziniert und länger als einen Augenblick regungslos. Majestätisch und elegant bewegt sich das Rudel über Geröll und Felsen. Dabei schauen die Tiere immer wieder ohne erkennbare Hektik und Furcht zu uns zurück. Es dauert nicht lange, da hebt sich die braune Färbung kaum noch von der Umgebung ab und sie verschwinden auf dem Felsgrat über uns.
 
Wir gehen jetzt, ziemlich schnell an Höhe verlierend, weiter und entdecken dabei auf dem auf dem gegenüberliegenden Hang unterhalb des Zinizachspitz (2755m) eine große Herde Gämsen. die Tiere fühlen sich anscheinend sehr wohl hier auf der sogenannten "kloanen Nill", einem einsamen und ruhigen Hochtal. Dann geht es rasant bergab. In vielen Kehren erreichen wir die Waldgrenze und nicht viel später auch die Gottschaunalm (1945m).
 
Hier erkennt man uns wieder und wir lassen uns noch einmal die Almköstlichkeiten schmecken. Während des Aufenthaltes kristallisieren sich in unseren Gespächen zwei Interessengruppen heraus. Die einen bevorzugen den entgültigen Abstieg ins Tal, die anderen möchten die Tour fortführen. Also beschließen wir, uns für die nächsten zwei Tage zu trennen: Josef, Werner und Winfried gehen über den Fahrweg ins Tal und bleiben dort. Norbert, Dieter, Sebastian und ich gehen den uns bereits bekannten Steilweg ins Tal, um dort den Bus ins Gschlößltal rechtzeitig zu erreichen, um dort die Tour weiter fortzuführen.
 
Gesagt getan: Wir gehen schnellen Schrittes bis zum Forstweg und nehmen den ersten Steilweg bergab. Hier üben wir wieder das Alpenjogging und sind recht schnell im Tal. In Virgen (1194m) am Gemeindehaus angekommen, ist der Bus trotzdem gerade abgefahren.
 
Da wir über eine Stunde warten müßten und somit zu spät ins Gschlößltal kommen würden, jogge ich nochmals die 4km bis zum Assmair-Hof und hole mein Auto. Damit fahren wir gemeinsam zum Matreier Tauernhaus (1510m) und stellen den Wagen auf dem Dauerparkplatz ab.
 
Hier steht gerade eine Pferdekutsche bereit und wir gönnen uns das Vergnügen und die Schonung bis zum Venedigerhaus. Unterwegs erklärt uns der alte Mann die Gegend, einiges zur Geschichte dieses Tales und zeigt uns einen der riesigen Bartgeier, die hier seit einiger Zeit erfolgreich ausgewildert und angesiedelt werden, im Gleitflug über die Berge. Mit bis zu 3m Flügelspannweite sind sie Europas größte Raubvögel und waren früher mal überall in den Alpen heimisch, bevor man sie fast ausrottete. Mittlerweile vermehren sie sich sogar wieder selbständig und brüten in den Steilwändern dieses abgeschiedenen Tales. Leider ist der riesige Greifvogel, bevor ich den Camcorder bereit habe, schon wieder hinter einer Bergkuppe verschwunden. 
 
Der Kutscher erklärt uns auch Herkunft und Sinn der alten Knappensiedlungen in Innergschlößl, die heute als Touristenunterkünfte dienen. Früher wurden in diesem Tal sehr viel Kristalle abgebaut und sogar Diamanten gesucht und gefunden. Dadurch entstanden diese Siedlungen. Zu dieser Geschichte paßt auch die alte Felsenkirche, an der wir vorbeifahren. Dann ist das Venedigerhaus (1725m) erreicht.
 
Wir wandern sogleich weiter, denn wir wissen: Wenn wir noch heute an der Prager Hütte ankommen wollen, dürfen wir jetzt keine Zeit mehr verlieren. Wir gehen zunächst den Gschlößlbach entlang bis zum Talschluß, um hier eine Brücke zu überqueren, die wir aber vergeblich suchen. Später erfahren wir, daß diese Brücke vom erst kürzlich aufgetretenen Hochwasser, das durch langanhaltende Regenfälle verursacht wurde, die auch in Ostdeutschland zu großen Überschwemmungen führten, weggerissen wurde. Nachdem wir vergeblich versuchen, das andere Ufer über große Blocksteine zu erreichen, wandern wir zur nächsten Behelfsbrücke zurück, überqueren dort den Wildbach und gehen an seinem Ufer entlang, bis wir den gesuchten Weganschluß gefunden haben.
 
Als wir gerade den Berg ansteigen wollen, kommt uns ein junges Paar entgegen und meint, wir würden die Hütte vor Dunkelheit wohl nicht mehr erreichen. Nach kurzer interner Beratung wollen wir versuchen, wenigstens die auf dem Weg liegende Alte Prager Hütte zu erreichen, dort könnten wir im Biwaklager übernachten. Auf dem nun folgenden Weg gibt es kein warmlaufen, denn es geht gleich äußerst steil den Berg hoch und wir sehen schon bald den gewaltigen Schlatenkees unter uns. Unsere Beine bewegen sich nach einiger Zeit nur noch mechanisch und werden immer schwerer. Sebastian sagt zwar nichts, aber seine Blicke drücken seine Gefühle wesentlich besser aus. Als wir die Alte Prager Hütte (2489m) endlich erreicht haben, stellen wir fest, daß der Biwakraum geschlossen ist. Da es bereits 18.45 Uhr ist und schon sichtbar dunkler wird, machen wir keine Pause, sondern gehen direkt weiter.
 
Der Restweg fällt uns immer schwerer, aber unser heutiges Endziel ist schon sichtbar, was uns wiederum enorm anspornt. Trotz der Müdigkeit erfordern loser Schotter, Geröll, große Felsplatten und teils sehr steiles Gelände unsere letzte Kraft und volle Konzentration. Um 19.35 Uhr haben wir es dann doch geschafft und mit Sonnenuntergang erreichen wir die Neue Prager Hütte (2796m) und erfahren hier später, daß die Alte Prager Hütte nur noch als Winterraum genutzt wird. Wir werden von Max, einem riesigen, fast 1m hohen Pyrenäenberghund mit mächtigem Gebell und trotzdem freundlich empfangen. Wir sind fix und fertig und bevor wir zum Essen am Tisch sitzen, ist es bereits 20.00 Uhr
 
Etappe Bonn-Matreier Hütte-Virgen: 7km / 100hm+ / 1656hm- / 2,5Stdn
Etappe Matreier Tauernhaus-Venedigerhaus: 5km / 215hm+ / 1,25Stdn
Etappe Venedigerhaus-Alte Prager Hütte: 5km / 764hm+ / 2Stdn
Etappe Alte Prager Hütte-Neue Prager Hütte: 3km / 307hm+ / 1Std
 
Gesamtstrecke: 15km / 1171hm+ / 1656hm- / 5,5Stdn
 
Schwierigkeitgrad: schwer
 
Der Hüttenwirt ist sehr freundlich und bietet uns eine Extraportion Spaghetti Bolognese an, trotzdem er die Küche bereits geschlossen hatte. Nach dem Essen sitzen wir noch eine Weile zusammen und schmunzeln mittlerweile über die heute zurückgelegte Marathonstrecke, können es aber immer noch nicht richtig fassen, daß wir das geschafft haben. Der Abend wird heute nicht lang und wir strecken bald die Glieder von uns.
Donnerstag 12.09.2002 (5.Hüttentourtag):
 
Von der Neuen Prager Hütte zur Badener Hütte: Heute erwartet uns wieder ein wunderschöner sonniger Morgen. Als ich zur Morgentoilette gehe, sieht mich der auf dem Dach liegende Max erstaunt aber mit treuem Blick an. Mit ihm habe ich schon Freundschaft geschlossen und er genießt später das Kraulen seines dicken Felles, welches an Schafwolle erinnert und ich erfahre noch vom Hüttenwirt, daß er fast ganzjährig auf dem Dach schläft. Hinter ihm im Morgenlicht sehe ich den höchsten Berg Österreichs, den etwa 20km entfernten Großglockner (3797m).
 
Als wir nach dem Frühstück gegen 9.00 Uhr wieder erstarkt zu unserer heutigen Tour aufbrechen wollen, ziehen uns die von hier aus phantastischen Bergansichten in ihren Bann. Wir haben einen tollen und klaren Ausblick auf den Kleinvenediger (3477m), die schwarze Wand (3511m), den hohen Zaun (3457m), das Rainer Horn (3560m) und die gewaltige Kristallwand (3329m), die früher Kristall- und Diamantenfundstätte war. Viele Sammler haben dort allerdings auch ihr Leben gelassen. Dann gehen wir zunächst den gestrigen Weg bis zur Alten Prager Hütte zurück.
 
Einige Minuten später biegen wir an einer Weggabelung rechts ab und gehen heute in Richtung Gletscher hinunter. Kurz vor diesem trennen wir uns um 10.45 Uhr für einige Zeit, denn Dieter und Norbert wollen über ihn hinweg gehen. Ich hingegen möchte Sebastian das Gletschertor zeigen und wir werden uns später vor dem Aufstieg zum Löbbentörl auf dem Moränenstrang oberhalb des gegenüberliegenden Gletscherrandes treffen.
 
Während Dieter und Norbert bald vor der Randkluft des Gletschers stehen und erst einmal mißtraurisch dessen Oberfläche begutachten, wandern wir an Steinmännchen vorbei Richtung Gletschertor und überqueren dabei große, vom Gletschereis glattgehobelte Felsenflächen.
 
Oberhalb dieses Tores auf etwa 2200m angekommen, bemerken wir, daß sich der Boden unter uns stark und permanent bewegt und setzen uns ein kleines Stück abseits und seitlich des Tores zur Pause nieder. Wir haben den Sicherheitsabstand gewählt, da uns aufgefallen ist, dass die Tordecke starke Risse aufweist. Es ist zwar unwahrscheinlich, daß das Dach gerade jetzt bricht, aber wir wollen auch kein unnötiges Risiko eingehen und bestaunen während unserer Rast das starke Abschmelzen des Eises in der Mittagssonne.
 
Gegen 11.30 Uhr wandern wir weiter, überqueren den jungen Gletscherbach mittels eines Holzsteges und laufen fast ohne Höhenunterschied zum sogenannten "Auge Gottes". Den Namen hat dieser kleine See durch sein Aussehen. Die Kombination von See und darin mittig befindlicher Insel wirkt von oben gesehen wahrhaftig als solches. Etwas unterhalb liegt der Salzbodensee (2137m). Von nun an geht es wieder stetig bergan. Zunächst recht flach, dann jedoch immer steiler bewandern wir die Randmoräne des Gletschers.
 
Dieter und Norbert haben den stark ausgemergelten und rissigen Gletscher zu dieser Zeit bereits sehr vorsichtig aber letztendlich sicher überschritten und warten auf dem Moränenrücken auf uns. Die Orientierung war dank der auch hier aufgebauten Steinmännchen nicht schwierig. Sie vertreiben sich die Zeit mit der Beobachtung der Umgebung, zum Beispiel des gewaltigen Gletscherbruches nahe der Kristallwand.
 
Als Sebastian und ich uns gegen 12.00 Uhr an einem kleinen Quellbach erfrischen, werden wir bereits ohne unser Wissen von Dieter gefilmt. Unsere Schritte werden indes schon wieder schwerer, weil der Moränenstrang endlos lang erscheint. Um 12.30 Uhr treffen wir dann auf unsere Bergfreunde und wandern gemeinsam Richtung Löbbentörl.
 
Zunächst gehen wir noch eine Weile auf dem Moränenrücken, dann über riesige Geröllplatten und kreuzen ein kleines aber gefährlich steiles Schneefeld zum Löbbentörl (2770m). Dort angekommen haben wir nochmals eine grandiose Aussicht. Zum einen in das Löbben- und Frosnitztal hinein Richtung Schobergruppe und den Lienzer Dolomiten im Hintergrund. Zum anderen einen vorerst letzten Blick ins Gschlößltal mit dem gewaltigen Schlatenkees und den darüberligenden 3000er Gipfeln des Venediger Kammes Richtung Talschluß bzw. in entgegengesetzter Richtung gegen das Glocknermassiv in der Ferne. Wir müssen uns schon förmlich losreißen von diesen Anblicken und wandern dann weiter Richtung Badener Hütte.
 
Insgesamt ohne große Höhenunterschiede, aber zwischendurch immer wieder kurze, knackige und seilversicherte Steilpassagen überwindend, kommen wir jetzt unserem Tagesziel relativ schnell näher. Kurz vor der Hütte dann aber wiederum noch ein etwa 20m hohes und mit Drahtseil gesichertes Kletter- Steilstück, das noch einmal unsere ganze Konzentration fordert. Unangenehm ist zudem, dass von oben Wasser auf uns niederprasselt, uns durchnäßt und die Felsen rutschig macht. Nacheinander meistern wir auch diese Stelle. Danach befinden wir uns bald auf der sonnenüberfluteten Terasse der Badener Hütte (2608m) und lassen uns noch eine Weile bei Radler und Weizen bräunen. Als die Sonne sich hinter den Bergen versteckt, wird es gleich empfindlich kalt und wir absolvieren unser alltägliches Hüttenabendprogramm.
 
Etappe Neue Prager Hütte-Alte Prager Hütte: 3km / 307hm- / 0,75Stdn
Etappe Alte Prager Hütte-Badener Hütte: 9km / 620hm+ / 500hm- / 3,5Stdn
 
Gesamtstrecke: 12km / 620hm+ / 807hm- / 4,25Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: mittel

Freitag 13.09.2002 (6.Hüttentourtag): 
 
Von der Badener Hütte nach Virgen: Beim ersten Fensterausguck erwartet uns auch heute wieder ein prächtiger Morgen. Auf das Frühstück verzichten wir heute mehrheitlich, da die Preise und das Angebot genauso dürftig sind wie im Defreggerhaus und wir noch Proviant bei uns haben. Wir nehmen lediglich einen Becher frischer Ziegenmilch zu uns und brechen um 8.30 Uhr zu unserer letzten Etappe der diesjärigen Hüttentour auf.
 
In dem Glauben: "Was kann uns nach den vorangegangenen Erschwernissen und bei diesem Wetter heute noch geschehen!" haben wir die Karte nur flüchtig angesehen und sind der Meinung, daß die Reststrecke leicht ist und fast nur noch bergab verläuft. Mein jetzt von mir gegebener Spruch: "Das wird heute ein Spaziergang!" hängt mir noch lange nach. Wir ahnen jetzt noch nicht, daß dieser Streckenabschnitt uns allen den Rest unserer verbliebenen Kraft und Kondition abverlangt.
 
Zunächst gehen wir die Strecke vom Vortag zurück und die Schlüsselstelle gleich unterhalb der Hütte beansprucht unsere Konzentration heute gleich doppelt. Es hat in der Nacht gefroren und dieses hat zur Folge, daß das niederprasselnde Wasser eine dicke Eisschicht auf den Felsen hinterlassen hat und diese Steilstelle noch gefährlicher als am Vortag macht. Wir müssen uns praktisch ohne größeren Halt durch die Füße, nur der Seilsicherung und unserer Armkraft vertrauend, die 20m mit äußerster Vorsicht hinunter hangeln. Auf den letzten paar Metern bekommen wir dann alle noch eine kleine Dusche eiskalten Wassers und sind jetzt völlig wach. Nach dieser Stelle sind die folgenden kleineren Steilstellen kein Problem und wir nähern uns wieder recht schnell dem Löbbentörl, biegen kurz vorher aber nach rechts in Richtung Wildenkogel ab.
 
Kurze Zeit später sitzen wir auf der Moosplatte an einem kleinen unbenannten See und gönnen uns die erste kurze Trinkrast. Von diesem See aus hat man einen herrlichen Ausblick zur Kristallwand und durch das Löbbental auf die Badener Hütte.
 
Als wir wieder aufbrechen merken wir nun, daß wir die Karte sehr ungenau gelesen haben, denn der Pfad wird jetzt immer schmaler und steiler, die Markierung immer dürftiger und das Gelände immer undurchdringlicher. Über ein Gewirr von riesigen haushohen Felsblöcken mit mannshohen Spalten suchen wir mehrmals den weiteren, jetzt sehr gefährlichen Weg, zweifeln zwischendurch an der Richtigkeit der noch verbliebenen Wegbezeichnung und bezwingen einige mit Drahtseil gesicherte Steilstellen durch leichte Kletterei.
 
Doch dann haben wir den Aufstieg endlich geschafft und befinden uns auf der Löbbenhöhe (2900m) zwischen Wildenkogel (3022m) und Schnitzkogel (2911m) und haben von der Badener Hütte bis hierher somit über 400hm in äußerst schwierigem Gelände gemeistert. Nun genießen wir aber erst einmal eine ausgedehnte Rast bei herrlichem Wetter, klarster Sicht und selbst in dieser Höhe angenehmen Temperaturen. Von hier aus haben wir einen einzigartigen Überblick auf alle Gruppen der Hohen Tauern, nämlich die Gebirgsmassive des Großglockners, des Venedigers und der Schobergruppe. Wir können fast 400m unter uns den Wildensee erkennen, erblicken sogar das Matreier Tauernhaus und den Parkplatz tief unten im Gschlößltal.
 
Nach einer ganzen Weile brechen wir wieder auf und stellen sehr bald fest, daß die erwartete Besserung der Geländeverhältnisse vorerst ausbleibt. Im Gegenteil: Weiterhin Geröll, nochmals steile Schneefelder, äußerst steiles Gelände und Seilsicherungen. Unsere Konzentration und Trittsicherheit wird nochmals aufs äußerste gefordert, um sicher und ohne Verletzungen das Tal zu erreichen.
 
Das Gelände wird erst wieder flacher und dadurch etwas sicherer, als wir den Löbbensee (2225m) erreicht haben. Während die anderen nun den letzten Teil des Abstieges in Angriff nehmen, setze ich mich für einen langen Moment oberhalb des Löbbenbacher Wasserfalls direkt am Abfluss des Löbbensees ins Gras, genieße die Ruhe, das phantastische Bergpanorama und lasse unsere Tour noch einmal gedanklich Revue passieren. Unter mir das Gschlößltal, darüber thronend das Daberkögele (2072m), an seinem Hang die Einfahrt des 5,2km langen Felbertauerntunnels (1620m) und noch weiter darunter das Matreier Tauernhaus mit dem Parkplatz.
 
Dann gehe auch ich entlang des Wasserfalls und dem Bach erst steil, dann immer flacher werdend bergab und erreiche bald die Waldgrenze und die anderen Bergfreunde. Als wir den Wald verlassen und das nun folgende Wiesengelände die Aussicht auf die Berge wieder freigibt, werden die Blicke Richtung Talschluß schon fast ein bißchen wehmütig, denn jetzt müssen wir endgültig Abschied nehmen von dieser grandiosen Gegend und Landschaft in einem Nationalpark, der seinen Titel redlich verdient. Wir überqueren schließlich den Tauernbach und erreichen das Matreier Tauernhaus (1512m)
 
Gesamtstrecke: 11km / 450hm+ / 1550hm- / 5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: mittel
 
Dort werden wir bereits von unseren anderen Bergfreunden erwartet und wir trinken noch je ein Weizenbier oder Radler zur Begrüßung. Dann fahren wir gemeinsam zum Assmair-Hof und lassen den Tag wieder mit Abendessen und Kartenspiel ausklingen. Dabei berichten wir über unsere Erlebnisse und zeigen die gefilmten Sequenzen. Jetzt unterbreitet uns Norbert auch das Geheimnis seiner Eintragungen ins mitgeführte Buch. Er hat ein "Hütten-Tagebuch" geschrieben, indem er seine Eindrücke während der gesamten Tour eingetragen hat, liest uns ein wenig daraus vor und beschreibt humorvoll all unsere, aber auch Schwächen.
 
 
Samstag 14.09.2002 (Abreisetag):
 
Um 9.00 Uhr sind alle Sachen verstaut und wir bereit zur Abfahrt. Wir machen noch ein Erinnerungsfoto mit Frau Assmair und verabschieden uns von ihr. Dann geht es auf die Heimreise, die wir ohne Hindernisse absolvieren.
 
Fazit der Woche
 
Alle haben diese Tour, die uns wieder eine Woche lang durch eine der schönsten und unberührtesten Naturlandschaften der österreichischen Alpen führte, trotz der zwischendurch auftretenden konditionellen und technischen Schwierigkeiten sehr gut überstanden. Von den gebotenen Tier- und Landschaftserlebnissen werden wir noch lange zehren.
 
Nach zwei Hüttentouren werden wir zur nächsten Fahrt Kompromisse schließen müssen, da Winfried, Werner und Josef in Zukunft wieder Normaltouren wünschen.
 
Aber dafür haben wir noch einige Zeit und werden die Erlebnisse dieser Tour in ewiger Erinnerung halten, eine Tour nach Maß.
 
Wochenleistung: 87km / 6847hm+ / 7129hm-/ 36,25Stdn
 
Bergheil!


 

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