2000 - Erste Venediger Hütten-Hochtour

 

DER FILM ZUM BERGTOUR-BERICHT (ca.90Min)

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Bergtour-Bericht in Text und Bild:

Ort und Umgebung:
 
Das Virgental mit seinem Hauptort Virgen (1194m) sowie den Nebenorten  Prägraten und Hinterbichl liegt, umrahmt von den Bergmassiven des Venediger- und Lasörlinggebietes mit zahlreichen 3000er Gipfeln, in Osttirol in unmittelbarer Nähe des Felbertauerntunnels im Nationalpark Hohe Tauern. Das Virgental wird wegen seiner südlichen Ausrichtung und der daraus resultierenden, ungewöhnlich hohen Sonneneinstrahlung und dem milden Mittelmeerklima auch das Meran Osttirols genannt. Virgen ist eine alte keltische Siedlung, wurde um 1170 erstmals urkundlich erwähnt und hat heute ca. 2000 Einwohner. Weitere Einzelheiten durch ein Klick auf die nachfolgenden Links.
 
 
Wegbeschreibung: 
A1/A44/A7/A9/A99/A8 bis Inntaldreieck, A93/A12 bis Abfahrt Kufstein. Autobahn verlassen und B312/B161/B108 durch Felbertauerntunnel bis Abfahrt Matrei in Osttirol. Von hier über Matrei nach Virgen. (ca. 1000km Gesamtstrecke).
 
Organisation und Tourenplanung:
Die Gesamttour wurde durch mich geplant und organisiert und fand in der Zeit vom 01.09. bis zum 09.09.2000 statt. Als Hütten- und Wochentour geplant lautet der Routenverlauf wie folgt.
 
Geplanter Routenverlauf:
Virgen, Nilljochhütte, Bonn-Matreier Hütte, Eisseehütte, Zopetscharte, Johannnishütte, Defreggerhaus, Großvenediger-Gipfel (3674m), Defreggerhaus, Johannishütte, Türmljoch, Essen-Rostocker Hütte, Clarahütte, Virgen
 
Unterkunft:
Das Anwesen der Familie Assmair ist eine einfache, aber zweckmäßige Bleibe. Frau Assmair bietet die Flexilibität, die man für eine Hüttentour braucht. Da ist die Schlafmöglichkeit für An- und Abreisetag bzw. Unterkunft bei möglicher Unterbrechung inklusive Unterstellmöglichkeit für unsere Restsachen und das Auto während der Tour. Und das alles gepaart mit vernünftigen Preisen. Während der Tour selbst wurden die Übernachtungen in den jeweils angewanderten Hütten geplant.
 
Teilnehmer: 
Dieter Henke, Norbert Gravermann, Winfried König, Werner Mengelkamp, Norbert Schmidt, Josef Wesselborg
 
Besonderes:
Josef ist als Neuling dabei. Werner hat sich aufgrund der (Blasen-) Erlebnisse während der letzten Tour nun rechtzeitig bergtaugliche Wanderschuhe zugelegt und bereits eingelaufen. Aufgrund meines während der Planungszeit aufgenommenen Internet-Kontaktes zu den "Holländischen Berggämsen" kommt mir im Vorfeld der Tour die Idee, uns "Sendener Bergvagabunden" zu nennen. auf der Tour möchte ich diesen Vorschlag auch den anderen unterbreiten. Wir starten dieses Mal schon einen Tag eher, nämlich Freitag in der Frühe. Mich begleiten bei der Anreise Rückenschmerzen als Folgen eines vom Hausarzt vermuteten vorangegangenen Hexenschusses, den ich seit Wochen auskuriere. Ich erwarte weitere Heilung.
Tourverlauf::

 

Freitag 01.09.2000 (Anreisetag):
 
Am frühen Morgen gegen 2.00 Uhr starten wir mit dem KFZ, ein von Winfried´s Bruder ausgeliehener VW-Selbstbau-Campingbulli, zur diesjährigen Hüttentour nach Virgen in Osttitrol. Stau und Schlechtwetter bedingt treffen wir erst am Nachmittag bei jetzt herrlichem Wetter auf dem Hof Assmair in Virgen-Niedermauern ein.
 
Nach persönlicher Begrüßung durch unsere Gastgeberin beziehen wir unsere Zimmer, machen einen kleinen Rundgang durchs Dorf, unter anderem zum örtlichen Verkehrsverein, besorgen uns hier sogenannte Hüttenbücher und suchen dann ein passendes Restaurant.
 
In Bierlaune sprechen wir verschiedene mögliche Namen für unseren Trupp durch. Wenig später wählen wir dann einstimmig meinen Vorschlag und nennen uns ab sofort:
Die
"Sendener Bergvagabunden"
 
Samstag 02.09.2000 (1.Tourtag):
 
Von Virgen zur Bonn-Matreier Hütte: Ein wunderschöner Morgen bricht an. Nach dem Früstück beginnt unsere Hüttentour um 8.30 Uhr von Virgen-Untermauern (1194m) über den Nillbach nach Obermauern in Richtung Nilljochhütte. Josef spürt jede vorher gerauchte Zigarette einzeln. Auf halber Strecke zur Hütte machen wir um 10.15 Uhr unsere erste größere Pause auf der gleichnamigen Alm. Hier zeigen sich bei Josef und Winfried bereits erste leichtere Konditionsprobleme. Werner hält sich dagegen überraschend gut. Nach einiger Zeit des Regenerierens wandern wir weiter, von nun an wird es immer steiler.
 
Um 11.15 Uhr sind wir an der Nilljochhütte (1990m), wo wir eine ausgedehnte Mittagspause einlegen. Hier werden erste Schäden sichtbar, denn die Naht meiner Kniebundhose hat nachgegeben und ist gerissen, Gottseidank habe ich Ersatz mit. Wir essen eine Kleinigkeit und füllen unseren Flüssigkeitshaushalt wieder auf. Eigentlich haben wir den ersten Tourtag vorsichtiger Weise nur bis hierher geplant und nur als Option die Bonn-Matreier Hütte ins Auge gefaßt. Da wir aber sehr früh dran sind und uns gut erholt haben, beschließen wir, noch bis dorthin weiter zu gehen.

 

Um 13.15 Uhr brechen wir auf und steigen in das langgestreckte große Nilltal ein, wo wir einige Zeit später die Stühler Alm (2394m) passieren. Langsam aber beständig steigt der Pfad an. Vor dem flachen, sogenannten Sandboden (2624m) wird der Pfad jedoch steiler und zieht sich in die Länge. Als wir ihn erreichen, blicken wir zurück und erkennen die unendlich wirkende Länge dieses Tales. Den Blick nach oben gerichtet, erkennen wir bereits die Hütte über dem Steilhang. Diesen müssen wir nun noch überwinden und er raubt uns die letzte Kraft. Auf diesem Stück reißt unsere Gruppe auseinander. Hier und jetzt machen sich die großen Unterschiede an Kondition und Bergerfahrung bemerkbar. Zum Überdruß zieht auch noch Nebel auf, aber der Weg ist sehr gut markiert.
Um 15.50 Uhr sind Norbert und ich als Erste an der Bonn-Matreier Hütte (2750m) angelangt. Wir tragen uns ins Hüttenbuch ein und genießen den ersten Jagertee. Über 1500hm haben wir heute überwunden, und das am ersten Tag. Alle Achtung! Um 16.00 Uhr folgen Dieter und Winfried. Erst gegen 17.00 Uhr erscheinen Josef und Werner. Sie sind völlig fertig und Werner obendrein sauer. Wir haben das Glück, jetzt komplett zu sein, denn wenig später regnet es. Nach dem Essen lassen wir uns unser Lager zuweisen und spielen noch ein wenig Karten. Durch den anstrengenden Aufstieg wird der Abend aber nicht lang und um 22.00 Uhr ist eh Hüttenruhe angesagt. Unsere Lager und das Zimmer sind zwar sehr eng und so hellhörig, dass man sogar die Nachbarn im Nebenzimmer schnarchen hört, als wenn diese mit uns im gleichen Bett liegen, aber wir sind so müde, dass wir doch sehr bald einschlafen.
Etappe Virgen-Nilljochhütte: 5km / 795hm+ / 2Stdn 
Etappe Nilljochhütte-Bonn Matreier Hütte: 4,5km / 760hm+ / 2Stdn
 
Gesamtstrecke: 9,5km / 1555hm+ / 4Stdn 
 
Schwierigkeitsgrad: mittel
Sonntag 03.09.2000 (2.Tourtag):
 
Aufstieg zum Säulkopf: Um 7.15 Uhr stehen wir auf. Es ist der erste Morgen in der Höhe. Wir gehen vor die Hütte, genießen die klare und reine Bergluft, die dadurch ungehinderte Sicht in die vernebelten Täler und auf hunderte von Gipfeln in nah und fern und den Sonnenaufgang, den wir noch beobachten können. Nachdem wir gefrühstückt haben geht Werner, wie angekündigt, zur Felsenkapelle und zündet auf die gestrige sichere Ankunft eine Kerze an. Wir begleiten ihn dabei und besichtigen diese.
 
Danach gehen wir, um die nähere Umgebung zu erkunden, gemeinsam Richtung Säulkopf. Beim Anblick dieses Berges und schönen Wetters wächst in Norbert, Dieter und mir spontan der Wunsch, heute morgen diesen formschönen Gipfel zu besteigen. Nach kurzer Beratung trennen wir Drei uns von den anderen, denn sie müssen die gestrige Tour noch körperllich verarbeiten und wollen in der Hütte auf unsere Rückkehr warten.
 
Der Anstieg ist verdammt steil und auch wir merken einen leichten Muskelkater, aber mit den frischen Kräften des Morgens schaffen wir den Aufstieg an teilweise mit Draht versicherten Hängen relativ schnell und genießen um ziemlich genau 10.00 Uhr den Gipfelrundblick vom Säulkopf (3209m) auf die gewaltige uns zu Füßen liegende Fels- und Gletscherlandschaft. Auch die Maus, die Dieters Tochter Jennifer ihm als Talismann mitgab, darf das Panorama genießen. Das waren 450hm am Morgen, was sollte uns an diesem Tag noch passieren. Mit dieser Gewißheit steigen wir wieder zur Bo-Ma Hütte ab.
 
Von der Bonn-Matreier Hütte zur Eisseehütte: Nachdem wir in der Bo-Ma Hütte noch eine kurze Pause eingelegt und uns alle gesammelt haben, brechen wir um 12.00 Uhr zur Eisseehütte auf. Gleich hinter der Hütte hören wir die ersten Warnrufe der Murmeltiere. Wer aber glaubt, sie flüchten ängstlich vor uns, der irrt. Ich bin sicher, dass diese bei genügender Gedult aus der Hand fressen würden, so zutraulich sind sie und werden von nun an zu unseren ständigen Begleitern.
 
Der Weg führt uns zunächst in Gegenrichtung zur gestrigen Tour bis zum Sandboden (2624m). Dahinter biegen wir nach rechts vomm Nilljoch-Pfad ab und es wartet gleich das erste Anstiegs-Steilstück zum Eselrugg´n (2663m) auf uns. Nachdem wir das überwunden haben, machen wir die erste Pause und können dabei den Anblick des ersten Edelweiß genießen. Nun müssen wir einen weiteren Steilan- bzw. abstieg zum Golling hinauf und wieder hinunter überwinden, danach wandern wir fast durchweg horizontal auf ca. 2500m Höhe und durchqueren ein Murenfeld, links unter uns immer das Virgental und darüber im Hintergrund den Lasörling im Blick. Kaum zu glauben, aber hier auf den nach Süden gerichteten Hängen befinden sich ganze Wiesen von Edelweißblüten. Und etwas später können wir auch Quarze bestaunen, die hier offen in Ministeinbrüchen zu Tage treten. Der Weg ist jetzt recht einfach aber nun zeigt das Wetter, was es kann. Mal regnet, mal grieselt und parallel dazu stürmt es. Aprilwetter im September. Zwischen den Schauern genießen wir weiterhin die Panoramablicke auf die Gebirgskette des Lasörlings gegenüber.
 
Als wir ins Timmeltal, einem Seitental wechseln, sehen wir in der Ferne am Talschluß bereits die Eisseehütte. Dann begeht Josef einen gefährlichen Fehler: Er versucht, als wir eine regenglatte Felsplatte überqueren müssen, diese zu umgehen und versteigt sich so sehr, dass er nicht mehr weiter kann und abzurutschen droht. Die Kameraden verhindern durch gemeinsame Hilfe den drohenden Absturz. An dieser Stelle hätte das tödlich enden können, da sich direkt unter der Felsplatte ein ca 200m hoher Felsabbruch befindet. Wir ermahnen uns daraufhin gegenseitig, bei schwierigen Stellen ohne Scheu sofort die Hilfe unserer Bergfreunde in Anspruch zu nehmen. Nachdem wir auch noch ein ausgewaschenes Bachbett durchquert und uns hier erfrischt haben, erreichen wir ziemlich schnell die ersehnte Eisseehütte (2521m).
 
Wir kehren ein, lassen uns die Betten zuweisen und bestellen den Jagertee und das Essen. Da die Tour zwar lang und tückisch, aber nicht besonders kraftraubend war, halten wir heute beim Kartenspiel deutlich besser durch und lernen Alois Steiner, den Hüttenwirt und seine Mitarbeiter kennen. Wir haben an diesem Abend viel Spaß mit ihnen und trinken dabei den einen Jagertee und anderen Obstler zuviel. Das Bettenlager ist geräumiger als in der Vorhütte und das Essen reichhaltig und günstig.
 
Wir können nicht verstehen, dass sich einige Gäste hier nicht wohlfühlen und sich im Virgentaler-Hütten Gästebuch über diese Hütte, den Wirt, die Bedienung und das Essen sehr negativ ausgelassen haben. Wir denken uns lediglich, dass ein negatives Erlebnis oft sehr subjektiv gesehen und beschrieben wird. Dieser Eindruck bestätigt sich für uns später auf der Clarahütte, aber dazu später. Nach der Rückfahrt habe ich mich ebenfalls im Gästebuch ausgelassen, und zwar pro Hütte, contra Pauschalmeckerer!
 
Etappe Bonn-Matreier Hütte-Säulkopf und zurück: 5km / 459hm+ / 459hm- / 2Stdn 
Etappe Bonn-Matreier Hütte-Eisseehütte: 7km / 150hm+ / 380hm- / 2,5Stdn
 
Gesamtstrecke: 12km / 609hm+ / 839hm- / 4,5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: mittel

 

Montag 04.09.2000 (3.Tourtag):
 
Von der Eisseehütte zur Johannishütte: Auch heute schlafen wir nicht lang und uns erwartet beim ersten Fensterblick ein wunderschöner Morgen. In der Nacht hat es ein bißchen geschneit. Um 7.30 Uhr stehen wir auf und nach gutem Frühstück geht es um 8.45 Uhr los. Über die Zopetscharte wollen wir zur Johannishütte und sind durch die Vorplanung auf eine schwere Tagesetappe vorbereitet. Wir wandern zunächst parallel zum Timmelbach, der vom 2661m hochgelegenen Eissee gespeist wird, um diesen nach einiger Zeit zu überqueren und gewinnen danach schnell an Höhe. Später sehen wir während einer ersten eingelegten Rast um 9.45 Uhr zurückblickend den in der Ferne liegenden Eissee.
 
Wir sind jetzt etwa auf halber Höhe zur Zopetscharte und das Wetter verschlechtert sich nun sehr schnell. Es fängt an zu nieseln, mit steigender Höhe geht der leichte Regen in Schnee über. Bei dann einsetzendem regelrechtem Schneetreiben und eisigem, schneidendem und Sturmstärke erreichendem Wind erreichen wir um 10.45 Uhr den Scharteneingang ein. Hier ist es tiefster Winter und wir müssen zügig und ohne Pause weiter, um nicht zu frieren. Das fällt uns allen nicht leicht und die zusätzliche, wenn auch nur leichte Kletterei läßt bei diesen Verhältnissen bei einigen unserer Kameraden innere Zweifel aufkommen. Dann befinden wir uns endlich in der Zopetscharte (2958m), aber für eine Pause ist es hier oben zu kalt und Sicht haben wir sowieso kaum. Zu allem Übel versagt auch meine Camera, die ich die ganze Zeit unter der Jacke trug, ihren Dienst durch Kondensation meiner eigenen Schweißfeuchte.
 
Auf der Rückseite der Scharte gehe ich freiwillig vor, um den Pfad zu suchen. Die Wegbezeichnung ist vom Schnee bereits bedeckt und nicht mehr zu sehen. Überall, wo ich eine Bezeichnung vermute, scharre ich den Schnee mit Händen oder Füßen zur Seite und habe meist Glück. Um 11.15 Uhr haben wir das Schlimmste hinter uns und es wird allmählich wieder grün, die Wetterlage und unsere Gesichtsausdrücke entspannen sich. Jetzt machen wir eine längere Pause.
 
Der unverbesserliche Werner nutzt diese gleich für eine Zigarettenpause. Die gestrigen Jagertees, Obstler und Bierchen sind nun vollends verbrannt. Die Wolkendecke reißt jetzt auf und wir genießen die fantastische Weitsicht auf etliche 3000er Gipfel des Venedigergebietes bis hin zu den Zillertaler Alpen. Wir befinden uns jetzt im Dorfertal. Nach etwa einer halben Stunde gehen wir weiter und da der Weg uns nun permanent bergab führt, schaffen wir den Rest dieser Etappe recht schnell.
 
Um 12.45 Uhr kehren wir in die Johannishütte (2121m) ein und lassen es uns gut gehen. Es folgt das übliche Ritual auf den Hütten. Jagertee und Essen bestellen, Lager beziehen, Kleidung wechseln. Und dann gibt es hier noch eine heiße Dusche, die wir alle gern annehmen. Das Essen ist auch erwähnenswert: Da das Bergsteigeressen für mich als DAV-Mitglied besonders preiswert ist, teste ich dieses und glaube an einen billigen Happen. Was mir dann aber serviert wird, ist beachtenswert lecker und sättigend. Draußen sinken die Temperaturen wieder rapide und es fängt nochmals an zu schneien. Wir bleiben daher in der Hütte. Wir telefonieren nach eingehender interner Beratung trotz der zur Zeit extrem schlechten Verhältnisse mit den Bergführern im Defreggerhaus und melden unter "Wetter"-Vorbehalt unser Interesse für eine Bergführung zum Venedigergipfel (3674m) für Mittwoch, also übermorgen an. 
 
Wir haben schon eine Dreier-Gruppe ausgemacht, die sich uns anschließen möchte, so dass sich der Führungs-Festpreis von 3500 Schilling durch 8 Personen teilt und daher für jeden Teilnehmer auf erträgliche 55DM ermäßigt. Nach einem Zwischenschläfchen genießen wir noch einige Stunden Kartenspiel. Jagertee, Weizenbier, Radler und Obstler schmecken auch wieder, werden heute aber in Maßen genossen.
 
Gesamtstrecke: 6km / 500hm+ / 900hm- / 3Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: mittel
Dienstag 05.09.2000 (4.Tourtag):
 
Von der Johannishütte zur Essen-Rostocker Hütte: Am Dienstag morgen sind wir zur fast üblichen Zeit, um 7.00 Uhr wieder auf den Beinen und am Frühstückstisch. In der Nacht hat es offensichtlich weiter geschneit, es ist draußen weiß. Wir wollen heute wie erwähnt zum Defreggerhaus (2962m) aufsteigen, um von dort einen Tag später den Gipfelauf- und abstieg zu realisieren. Um 8.20 Uhr starten wir zum ersten Versuch, blasen ihn aber nach wenigen hundert Metern wieder ab. Nieselregen, der sich auf den gefrorenen Felsen blitzschnell in eine dicke Eisschicht verwandelt, auf die wir uns wiederum kaum halten können, würde jeden weiteren Aufstieg ohne Steigeisen zum lebensgefährlichen Abenteuer machen.
 
Wir rechnen uns außerdem aus, daß es auf dem Venedigergipfel, der noch 1500m höher liegt als wir uns zur Zeit befinden, nach einfacher Bergsteigerrechnung (100hm / 1Grad) nun minus 15-17Grad kalt sein müßte. Und bei dem momentan stürmischen Wind wären die fühlbaren Temperaturen noch um ein vielfaches niedriger. Wir erkennen, dass wir für solche Wetterextreme zumindest in diesem Jahr nicht ausgerüstet sind und ziehen uns zunächst in die Hütte zurück.
 
Nach Anhörung der aktuellen, negativen Wettervorhersage und interner längerer Beratung beschließen wir den endgültigen Abbruch der geplanten Tagestour, damit auch der diesjährigen Venedigerbesteigung und die Änderung des Routenverlaufes. Norbert ist zwar leicht sauer darüber, nimmt aber die Mehrheitsentscheidung zähneknirschend an. Wir werden jetzt als nächstes Ziel die Essen-Rostocker Hütte erwandern.
 
Um 9.35 Uhr starten wir zum zweiten Mal und obwohl uns bewußt ist, daß auch diese Tour des Wetters wegen nicht ungefährlich ist und sehr beschwerlich werden kann, wollen wir die geplante Hütte erreichen. Wir passieren also nochmals den Zettalunitzbach, zweigen dann aber von der erstbegangenen Strecke ab, überqueren unmittelbar danach den Dorferbach und gewinnen schnell an Höhe. Hier treffen wir auf einige Alpenwildpferde, als Haflinger sind sie besser bekannt. Sie leben hier im Nationalpark ganzjährig frei.
 
Plötzlich streikt meine Camera wieder. Sie hat die heutigen schnellen Wechsel zwischen warmer Hüttenluft und naßkalter Außenluft nicht verpackt und zeigt Kondensation an. Wir steigen zum Türmljoch auf und mit jedem Höhenmeter wird das Wetter wieder unangenhemer. Wir werden erneut von ärgstem Schneetreiben, denkbar schlechten Sichtverhältnissen (teils unter 20m), und stürmischem, eiskalten Wind begleitet. Jetzt können wir erahnen, welch sibirische Verhältnisse uns auf dem Venediger erwartet hätten. Der Weg ist zwar nicht so steil und anspruchsvoll wie der zur Zopetscharte, zerrt aber wegen des noch schlechteren Wetters ebenfalls extrem an unseren Kräften. Unsere Gruppe reißt wieder auseinander, weil die Konditionsunterschiede wieder zum Tragen kommen. Dieses Mal unterstützen wir uns aber gegenseitig in Kraft und Erfahrung.  
 
Norbert und ich erreichen das Türmljoch (2790m) als Erste und warten hier oben in Sorge um unsere Bergfreunde. Wir beruhigen uns mit der Gewißheit, dass wenigstens ein bergerfahrener Kamerad, nämlich Dieter bei ihnen ist. Als uns die Zeit wegen der Eiseskälte zu lang wird, versuche ich über Mobiltelefon mit Winfried Kontakt aufzunehmen. Gerade in diesem Moment tauchen nach ewig langen 15 Minuten endlich die Schatten der Gesuchten im immer noch dichten Nebel auf. Norbert und ich sind inzwischen so sehr ausgekühlt, daß wir sofort weitergehen und kurzfristig den Unmut der anderen auf uns ziehen. Wir wechseln jetzt in das Maurertal.
 
Nachdem das Joch von allen überwunden ist, es nach und nach wieder angenehmer wird und die Camera wieder funktioniert, kehren wir um 13.40 Uhr bei wieder einsetzendem Schneefall in die Essen-Rostocker Hütte (2208m) ein und die Hüttenprozedur beginnt von neuem. Das der erste Hüttenteil bereits 1912 erbaut wurde, merkt man ihm an, denn die Räume sind hier innen sehr eng. Auch die Schlafräume sind sehr niedgig, so daß man in die oberen Betten nur hineinkriechen kann. Nach dem obligatorischen Jagertee bestellen wir unser Essen und nehmen dieses in der im neueren Teil der Hütte gelegenen, sehr geräumigen Stube ein.
 
Zum Simonysee: Nach dem Essen und erster Regeneration starten Dieter, Norbert, Josef und ich noch einmal eine zweistündige Kleintour zum oberhalb der Hütte gelegenen Simonysee (2360m) und gehen ein Stück des gerade gekommenen Weges zurück bis zu einer kleinen Brücke über den Seeabfluß, weiter links an diesem entlang und befinden uns nach nochmaliger Stegüberquerung bald am Ostufer des Sees.
 
Wir sind überwältigt vom Panorama, das sich uns hier bietet: Über den See hinweg gewaltige Felsformationen und große Gletscher. Geprägt ist das Bild von Malham-, Gubach- und Simonyspitzen und dem großen Simony-Gletscher, hier in Osttirol Kees genannt. Zwischen den Malham- und Gubachspitzen liegt das Reggentörl, der mögliche Übergang ins Umbaltal, wohin wir morgen wenn auch auf anderem Wege wandern wollen. Der Großvenediger, der eigentlich auch zu sehen wäre, versteckt sich in der Wolkendecke. Nachdem wir einmal den See umrundet, das Gletschertor besichtigt und die Bergwachthelfer bei ihrer Übung auf dem Gletscher beobachtet haben, gehen wir wieder am Bach zurück zur Hütte, wo unsere Kameraden schon mit dem Kartenspiel warten.
 
Gesamtstrecke: 7km / 885hm / 800hm / 3Stdn
 
Schwierigkeit: mittel
Mittwoch 06.09.2000 (5.Tourtag):
 
Von der Essen-Rostocker Hütte zur Clarahütte: "Endlich wieder prächtiges Bergwetter" ist unsere einhellige Meinung beim ersten Fensterausguck an diesem Morgen. Der Himmel ist so blau wie am Anreisetag. Als wir mit dem Frühstück fertig sind und um 8.00 Uhr aus der Hütte treten, empfängt uns seine Majestät, der Großvenediger (3674m) mit seinem Bruder Kleinvenediger (3477m) in ganzer Pracht und wir sind einen langen Moment gefangen von diesem Anblick. Dieter, Norbert und ich ärgern uns jetzt doch wieder insgeheim ob der abgesagten Venediger-Gipfeltour, da der Aufstieg genau heute bei diesem Wetter mit klarsten Sichtverhältnissen angestanden hätte. Aber wer von uns sollte einen so gravierenden Wetterumschwung unter den gegebenen Umständen schon vorausahnen und wir trösten uns damit, daß der Berg noch länger steht und wir bestimmt noch einmal herkommen werden. Außerdem ändert das wunderschöne Wetter nichts an der eisigen Kälte, die dort auch heute am Gipfel herrscht und für die wir nicht ausgerüstet sind. Winfried macht einige Fotos und wir steigen dann ins Maurertal ab.
 
Wir gehen Richtung Talboden und wandern linksseitig den Maurerbach Richtung Talausgang entlang. Zwischendurch versuche ich mich nach langer Zeit erstmalig wieder im Kühemelken. Zuletzt habe ich das als Jugendlicher auf dem Bauernhof meiner emsländischen Verwandten gemacht und anscheinend nicht verlernt, denn nach ein paar Strichen gibt die Kuh tatsächlich Milch. Etwas später besichtigen wir  den Lastenlift zur Essen-Rostocker Hütte, bevor wir an der Stoanalm (1469m) eine kurze Trinkrast machen. Danach überqueren wir den Maurerbach und wandern nun rechtsseitig an ihm weiter, bis das Tal sich zum Virgental öffnet und ausläuft. Wir sind jetzt am tiefsten Punkt (1400m) unserer heutigen Tour angelangt und wandern von nun an wieder ansteigend entlang der hier noch jungen Isel. Es ist 10.40 Uhr.
 
Wir folgen der Isel flußaufwärts ins Umbaltal, das sich hier gleich westwärts anschließt und wandern zur Islitzer- (1513m) und Pebellalm (1520m) Richtung Umbalfälle, die wir hier schon hören und sehen. Dort folgen wir dem Wasserschaupfad links der Isel, wo auf Tafeln alles Wichtige über Gletscher, deren Bäche und Wasserfälle erklärt wird. Die tosenden Wassermassen ziehen magisch an und immer wieder stehen und staunen wir. Aber wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten, denn wir haben gerade etwas mehr als die Hälfte des Tagespensums geschafft und von nun an geht es wieder stetig bergauf. Oberhalb der Wasserfälle machen wir noch eine kleine Rast, bevor wir den langen Aufstieg zur Clarahütte beginnen.
 
Es geht einen ewig langen Weg bergan, bis wir zu einer großen Holzbrücke kommen, über die wir die Isel nochmals queren und nun rechtsseitig weiter wandern. Unsere Gruppe ist nun schon wieder weit auseinander gerissen, was heute aber ohne Irrwegs- und sonstige Gefahren niemanden von uns stört.
 
Ich filme sehr viel von der Umgebung, den Tieren und Pflanzen und vergesse dabei fast die Zeit, werde dabei selbst von den langsamsten unserer Gruppe überholt. Das Tal wirkt immer verlassener, der Pfad wird schmaler, die Hänge immer steiler abfallend zum Bach. Hier sind bereits Teile des Pfades abgerutscht und wieder ausgebessert worden. Bald liegt das Bachbett schon 50-70m unterhalb des Weges und das Gelände fällt auf Teilstrecken fast senkrecht bis dorthin ab. Nach einiger Zeit führt der Pfad an der nicht bewirschafteten Ochsnerhütte (1933m) vorbei, von wo es laut Schild noch ca 30Min. zur Clarahütte sind. Nachdem ich noch einige Kühe passiert habe, die sich hier genauso vorsichtig drehen wie ich, taucht die Clarahütte (2038m) um 13.40 Uhr endlich vor mir auf, meine durstigen Kameraden warten schon dort. 
 
Wir genießen den herrlichen Sonnenschein, einige Radler und Weizenbierchen und dabei die prachtvolle Aussicht ins hintere Umbaltal. Dort trohnen die gletscherbeladenen Eingangsgipfel von Daberspitz (3041m) und Rötspitz (3495m).
 
Wir ahnen noch nicht, welch große Überraschungen der Tag noch für uns bereithält: Als Winfried in die Hütte geht und sich um den Hüttenbucheintrag kümmert, bestellt er beim Kellner Markus auch spontan unser Nachtlager. Später kommt er zu uns und teilt uns freudestrahlend mit, er hätte noch ein "Notlager" für uns alle bekommen, ohne zu wissen, was sich hinter dieser Bezeichnung verbirgt. Norbert hat in Vorahnung schon das Lager inspiziert und kommt plötzlich lachend aus einer Dachluke hervor. Nach kurzer Erklärung wird das Bild klarer und wir sehen uns das Notlager gemeinsam an. Als Winfried den Sinn der Bezeichnung Notlager erkennt, will er, der noch vor 5 Minuten die Meinung vertrat: "Heute wander ich keinen Meter mehr", nun wieder unbedingt zurück nach Virgen ins Tal und schüttelt minutenlang unverständlich mit dem Kopf.
 
Um alles aufzuklären: Die Hütte ist durch eine Jägerrunde aus der Steiermark, die auf Steinbockjagd ist, voll belegt. Vor uns sind auch noch eine Kölner Gruppe und zwei Frauen eingetroffen, so daß fast alle Betten bis auf ein paar Notlagerplätze belegt. Es bleibt also nur die Alternative: Notlager, Natur oder Tal. Der ersten Empörung bei Winfried folgt die Lust am Außergewöhlichen. Da heute eigentlich niemand mehr ins Tal zurück will, aber Norbert, Dieter und ich zum Talschluß wandern möchten, bleiben wir hier und wollen das Beste aus dieser Situation machen. Wir nehmen das Notlager endgültig an. Es besteht aus einer Ecke auf dem Dachboden der Hütte, die man nur kriechend erreicht, nachdem man eine sogenannte Hühnerleiter hochgeklettert ist oder das besagte Dachfenster benutzt. Und diese Ecke teilen wir uns mit vier weiteren, uns zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Personen der Jägertruppe.
 
Wir werden an diesem Abend noch mehr Überraschungen erleben und erfahren, daß alles nicht so schlimm wird, wie es im Augenblick erscheint.
 
Der Hüttenabend: Ab 18.00 Uhr sitzen wir nach dem Duschen und gutem Essen am Tisch und spielen Karten. Uns gegenüber Richtung Tür sitzen zwei 50-jährig geschätze, später und morgen negativ auffallende Frauen. Neben uns die Kölner Gruppe und dahinter in einer separaten Nische die Gruppe Jäger. Sie feiern  geräuschvoll den Abschuß eines kapitalen Steinbockes, der gerade abhängt und morgen verspeißt werden soll.
 
Wir bekommen schnell Kontakt, sowohl zu den Kölnern als auch zu den Jägern und sind bald in die Feier integriert. Hans, der Jagdpächter lädt uns zum mitfeiern ein. Christian, der mitgereiste Akkordeonspieler und ein Kamerad mit Löfflerkenntnissen lassen die Hütte durch Ihre Musik erbeben. Christian spielt das altbekannte Zipfellied (Zipfel rein, Zipfel raus) in drei Versionen. Urig-Bayrisch, wienerisch ganz wie Hans Moser und auf steiermark´sche Art. Und auch sonst kann sich sein Repertoire an Volks-, Stimmungsmusik und Hüttenliedern sehen, vor allen Dingen hören lassen. Und wir versuchen, ihn mit unserem Gesang zu unterstützen, nicht unbedingt schön, auf jeden Fall aber laut.
 
Gabi, eine der mitgereisten Frauen und besagter Markus servieren uns einige teils selbstgebrannte Spezialitäten aus der Region, wie Edelwurz-, Zirben- und Lärchenschnaps und wir erfahren, was Frauen aus Österreich unter einem Dreitackter verstehen. Auch zum Tanze werden Dieter und ich aufgefordert, aber die Beine sind nach dem vorangegangenen langen Marsch und dem genossenen Alkohol schnell unkontrollierbar und die Frau tanzt mich schwindelig, oder waren es etwa die Getränke?
 
Die zwei älteren Frauen nörgeln ständig: Mit Gästen, die ein und ausgehen; mit dem Wirt, weil es ihnen hier zu laut, zu kalt und sonst noch was ist, stehen dann irgendwann sauer auf und verschwinden in die Betten. Das Beste für Alle! Die Kölner sind wenig später anscheinend auch müde und so feiern wir nach 23.00 Uhr mit den Jägern allein einen Hüttenabend, wie wir ihn bisher noch nicht kannten und noch lange in Erinnerung halten werden. Wir feiern bis früh morgens und registrieren das Notlager als solches nicht mehr.
 
Etappe Essen-Rostocker Hütte-Hinterbichl: 8km / 810hm- / 2Stdn
Etappe Hinterbichl-Clarahütte: 9km / 640hm+ / 2,5Stdn
 
Gesamtstrecke: 17km / 640hm+ / 810hm- / 4,5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: leicht
Donnerstag 07.09.2000 (6.Tourtag):
 
Zum Umbalgletscher: Beim morgentlichen Erwachen erkennen wir neben uns Gabi und ihre Freundin mit zwei Kinder als unsere vorab unbekannten Bettnachbarn. Erst zwischen 8.00 und 9.00 Uhr sind wir heute gemeinsam am Frühstückstisch und spüren einen mehr oder weniger leichten Kater. Der Kater verstärkt sich noch wegen der zwei älteren Frauen, die schon wieder nörgeln. Jetzt sind das Frühstück und der Kaffee daran Schuld.
 
Ich vermute, dass es genau solche Gäste sind, die oft schlechte Erfahrungen machen und folglich miese Gästebuchkritiken schreiben. Und diese Leute verkennen, dass es meist nicht die Mitmenschen sind, die ihnen Probleme bereiten, sondern das ureigene Naturell.
 
Naja..., wie auch immer, irgendwann sind sie verschwunden und das ist gut so. Wir werden von den Jägern für den Abend zum Steinbockessen eingeladen, sagen aber angesichts unserer übermorgen anstehenden Rückfahrt und den noch ausstehenden Erledigungen freundlich und dankend ab.
 
Norbert und ich wollen uns die geplante Umbaltal- Kurztour nicht entgehen lassen. Winfried und Werner sagen wegen schwerer Beine und fehlender Lust gleich ab. Sie wollen in der Nähe der Hütte bleiben. Nachdem wir ca. 12.00 Uhr als Zeit- und diese Hütte als Treffpunkt zur gemeinsamen Virgenrückkehr ausgemacht haben, brechen alle Bergvagabunden bis auf die zwei eben genannten gemeinsam auf.
 
Bereits 10 Minuten später, um 10.00 Uhr trennen sich auch Dieter und Josef wegen Konditionsprobleme von uns und kehren um. Norbert und ich überqueren den kleinen Steg über den Iselbach und gehen Richtung Phillip-Reuter Biwak weiter ins Umbaltal. Wir sind begeistert von der Unberührtheit dieses wilden Tales an der Grenze zu Italien. Wir beobachten die Jäger auf der anderen Iselseite bei ihrer Pirsch und erkennen, daß auch sie heute nicht vollzählig sind. Das Wetter wird immer schlechter, je höher wir aufsteigen; die Wegmarkierung immer dürftiger, je weiter wir gehen und wir bemerken plötzlich, daß wir uns in weglosem Geröllgelände befinden und der Hang "lebt". Der Boden sackt großflächig unter jedem unserer Schritte hangabwärts und ein ungutes Gefühl kommt in mir auf.
 
Da wir aber genug Bergerfahrung und guten Orientierungssinn haben, bleiben wir ruhig und vergleichen die Geländezüge anhand des Verlaufes eines in der Nähe zu sehenden Quellbaches mit der Zeichnung auf meiner DAV-Karte. Dabei stellen wir fest, daß wir uns wahrscheinlich unterhalb des eigentlichen Pfades befinden. Also gehen wir vorsichtig zum Bachlauf und an diesem so lange hinauf, bis wir tatsächlich den verlorenen Pfad wiederentdecken. Etwa eine halbe Stunde kostete uns dieser "Ausritt" und sind nun schon wieder auf knapp 2600m Höhe und damit weit oberhalb des Umbal- Gletschertores. Wir erfrischen uns an dem kleinen Bach und gehen dann weiter. Es schneit nun leicht.
 
Dann erblicken wir das Phillip-Reuter Biwak (2694m) erstmals über uns, bald auf gleicher Höhe, halten uns aber nicht lange auf, sondern gehen weiter in Richtung hinteres Umbaltörl. Es ist jetzt so kalt, das sich hier unterhalb einer Steilwand überall kleine Eisfälle gebildet haben. Dann biegen wir scharf nach rechts Richtung Gletschertor ab. Eigentlich wollten wir noch den Ahrner Kopf (3061m) um- bzw. das vordere und das hintere Umbaltörl (2928m/2845m) überwandern, hätten uns dadurch kurzfristig auf italienischem Gebiet befunden und wären ebenfalls hier an gleicher Stelle wieder angekommen. Angesichts des durch den Irrläufer enstandenen Zeitverlustes geben wir diesen Plan aber auf.
 
Dafür genießen wir aber nun den Blick auf den direkt vor uns liegenden, gewaltigen Umbalgletscher mit den Gebirgsköpfen des Dreiherrenspitz (3499m), der Simonyspitzen (bis 3488m), der Gubachspitzen (bis 3329m) und den Malhamspitzen (bis 3373m), zwischen letzteren auch das Reggentörl (3056m). Die meisten Gipfel und das Reggentörl sahen wir schon vorgestern vom Simonysee aus. Leider ist der Hauptkamm wieder mit Wolken verhangen, sonst wäre auch von hier ein freier Blick auf den Großvenediger möglich. Am Fuße des Umbalgletschers erkennen wir das gleichnamige Tor. Direkt uns gegenüber steht die Essener Egge (3005m), an deren Gipfel sich die Wolken verwirbeln, was wir eine ganze Weile beobachten.
 
Nun gehen wir also steil bergab über riesige, einst vom Gletscher gehobelte, nackte Felsplatten und verlieren so schnell an Höhe, so daß wir auch wieder angenehmere Temperaturen verspüren. Wir gehen auf dem jetzt wieder besser markierten Weg in Richtung See, an dessen Ufer sich laut meiner Karte zum Zeitpunkt ihrer Erstellung das Gletschertor befand. Nun liegt es aber bestimmt 300m weiter zurück und das ist uns jetzt zu weit. Ein eindeutiger Beweis gravierender Gletscherabschmelzung und ich erfahre später im "Bergsteiger", daß der Umbalgletscher von der Abschmelzung in den letzten Jahren besonders stark betroffen war.
 
Wir gehen nun, der Isel flußabwärts folgend, wieder Richtung Clarahütte und müssen nochmals über riesige gletscherpolierte, nasse und dadurch nicht ungefährliche Felsflächen, genießen dabei aber immer wieder die Blicke durch das wildromantische einsame Tal. Als das Gelände wieder leichter wird, erreichen wir bald den kleinen Iselsteg und nach dessen Überquerung ist es bis zur Clarahütte nur noch ein paar Minuten. Wir erreichen diese viel zu spät um 13.15 Uhr.
 
Wir treffen auf Gabi und Freundin, die uns mitteilen, dass unsere Freunde schon gegangen sind. Wir verabschieden uns von der Jagdgruppe und dem Hüttenwirt, schultern unsere Rucksäcke und steigen ebenfalls ab.
 
Von der Clarahütte nach Virgen: Um 13.25 Uhr befinden wir uns auf dem Rückweg ins Tal, schon jetzt mit einem bißchen Wehmut. Da wir nun im Training sind, erreichen wir recht schnell die Pebell Alm, machen hier eine kurze Trinkpause und wandern dann schnellen Schrittes weiter zum Parkplatz nach Streden. Hier bemerken wir, dass heute von hier kein Bus fährt und laufen entlang der Straße direkt zur nächsten Haltestelle nach Hinterbichl. Dort treffen wir um 15.50 Uhr auf unsere Bergfreunde und sind gerade noch rechtzeitig zum Buseinstieg.
 
Jetzt geht alles ganz schnell. Mit dem Bus fahren wir nach Obermauern und von dort geht es 20minütig wandernd zurück nach Untermauern zur Familie Assmair. Um 16.45 Uhr haben wir die heutige Etappe und damit auch unsere Hüttentour abgeschlossen.
 
Nachdem wir uns alle geduscht und regeneriert haben, kehren wir um 18.30 Uhr ins Gasthaus "Panzl-Bräu" zum Essen ein, um 21.45 sitzen wir wieder zum ersten Kartenspiel nach der Hüttentour zusammen, diskutieren noch einmal einzelne Abschnitte der Tour und lassen den Abend ausklingen.
 
Etappe Clarahütte-Umbalgletscher: 8km / 656hm+ / 656hm- / 3,5Stdn
Etappe Clarahütte-Hinterbichl: 9km / 640hm- / 2,25Stdn
 
Gesamtstrecke: 17km / 656hm+ / 1296hm- / 5,75Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: mittel / leicht 
Freitag 08.09.2000 (7.Tourtag):
 
Zur Burgruine Rabenstein und Gottschaunalm: Am letzten Tag sind wir wieder um 7.50 Uhr auf den Beinen und uns erwartet noch einmal ein wunderschönes Wetter und ein reichhaltiges Frühstück. Nach letzterem brechen wir um 9.00 Uhr zur Burgruine Rabenstein auf. Die Berge erstrahlen heute in herrlichem Sonnenglanz und die Gipfel sind in der Nacht wieder leicht überzuckert worden.
 
Wir laufen zunächst ins Dorf Virgen und gehen zum Verkehrsverein, wo Winfried und ich unsere Hüttenbücher mit vielen Stempeln gegen die Virgener Gipfelwandernadeln tauschen. Mindestens 8 Berg- oder Almhütten müssen erwandert werden, wir haben das Soll fast doppelt erfüllt. Dann gehen wir alle Richtung Rabenstein.
 
Um 10.15 Uhr besichtigen wir, nachdem wir viele wunderschöne Alpenhäuser passiert haben, die fast zerfallene und von der Natur bereits größtenteils zurückeroberte Burgruine Rabenstein (1409m). Die Ruine ist für Fotografen ein Genuß. Nach einem Gemeinschaftsfoto möchten Dieter, Norbert und ich noch eine Abschlußtour zur Gottschaunalm machen, während Winfried, Josef und Werner lieber ins Dorf und etwas einkaufen wollen. Also gehen wir heute nochmals getrennte Wege.
 
Zur Gottschaunalm: Wir gehen um 10.45 Uhr erst am Waldrand entlang in Richtung Marin und kommen zum Firschnitzbach, wo im letzten Winter eine mächtige Lawine abgegangen sein muß, denn Waldarbeiter sind jetzt noch mit der Räumung beschäftigt und unter dem ganze Gewirr von Bäumen und Ästen sieht man Firnreste. Wir suchen uns unter Warnung der Arbeiter äußerst vorsichtig einen Weg durch das Durcheinander und überqueren den Bach.
 
Nachdem wir eine Kapelle besichtigt und um 11.30 Uhr auf der Terasse der nächsten Gaststätte etwas getrunken haben, gehen wir den Forstweg zur Gottschaunalm, der Quersteig ist heute bei Temperaturen um 25° zu anstrengend. An einem kleinen Bach erfrischen wir uns zwischendurch noch einmal und dabei passiert mir ein Maleur: Als ich ins Bachbett absteige, rutsche ich auf einen nassen Felsblock aus, verrenke mich dabei und verspüre kurz einen leichten Stich im Rücken. Dabei reißt auch das Armband meiner Uhr. Zunächst war es das. Dann gehen wir in schnellem Gang weiter. Um 13.15 Uhr kommen wir in einer Super- Gehzeit von einer Stunde (Ausschreibung: 2Stdn) auf der Gottschaunalm (1945m) an und sind schweißgebadet, aber hier erwartet uns Einmaliges.
 
Die Aussicht von der Schobergruppe über Lasörling und Defereggengebirge, Zillertaler Alpen und auf die von uns erwanderten Vorläufer der Venedigerkette mit all Ihren 3000m hohen Nebengipfeln ist traumhaft, die Hütte ein Museum. Alles was auf einer Alm gebraucht wird, steht oder hängt irgendwo in der Hütte. Als wir zu Essen und Trinken bestellen, schickt man uns mit Bestelltem, aber ohne Zahlzwang wieder weg. Wir erfahren, dass die Almsennerin nur von Spenden lebt und so Steuergelder spart. Wir nutzen das allerdings wie die meisten anderen Gäste nicht aus. Wir holen Saft, Milchgetränke, frischen Joghurt und frische Krapfen. Als wir anschließend unsere Spende geben, bekommen wir jeder noch einen selbstzubereiteten Gratis- Fruchtlikör. Nur Bier und Radler gibt es hier nicht.
 
Da es auch hier oben noch sehr warm ist und die Sonne brennt, verlängern wir unsere Pause und treten um 14.50 Uhr zum Alpenjogging an. So schnell wir schon oben waren, jetzt im Abstieg schaffen wir Rekordzeit. Wir gehen jetzt nicht den Forstweg, sondern den Quersteig herunter und das meist im Dauerlauf. Mit 30 Minuten Gehzeit halbieren wir nochmals die Vorgabe. Als wir wieder in Virgen (1194m) bei Frau Assmair sind, packen wir zunächst unsere Sachen und verstauen sie ins Auto, bevor wir um 18.30 Uhr gemeinsam mit den anderen zum Essen im Restaurant zusammensitzen und dort unser Abschiedsessen genießen.
 
Etappe Virgen Ruine-Rabenstein: 3km / 215hm+ / 1Std
Etappe Ruine Rabenstein-Gottschaunalm: 5,5km / 536hm+ / 2,5Stdn
Etappe Gottschaunalm-Virgen 4km / 751hm- / 1Std
 
Gesamtstrecke: 12,5km / 751hm+ / 751hm- / 4,5Stdn
 
Schwierigkeitsgrad: Leicht
Am Abend hauen wir noch einmal auf die Sahne. Wir essen wieder Wildfleisch sowie andere Leckereien, genießen dazu Radler und Weizenbier und schließen den Restaurantbesuch mit zwei Runden Obstler ab.  Nach Rückkehr in die Pensioneröffnen wir die letzten Kartenrunden Dabei werden meine Rückenschmerzen so stark, dass ich frühzeitig abbrechen und mich ins Bett begeben muss. Die anschließende Nacht wird die Hölle. Wenn das vor meinem Urlaub ein Hexenschuß war, dann habe ich mir durch den Bachsturz dasselbe nochmals zugezogen.
 
Samstag, 09.09.2000 (Abreise): Nach stärkendem Frühstück verabschieden wir uns von Frau Assmair und fahren Richtung Heimat.
 
Nachdem ich die längste Fahrtstrecke mit immer noch höllischen Schmerzen liegend verbracht habe und am Montag spontan früh einen Facharzt besuchen möchte, knackt es während des Schuh-Schnürens nochmals fürchterlich im Rücken. Die Schmerzen sind für Sekunden nochmals enorm, lassen dann aber schlagartig nach. Der Doktor bestätigt wenig später meine eigene Vermutung auf eine "simple" Wirbelverrenkung, die vorher leider nicht erkannt wurde. Die letzten Schmerzen verschwinden nun so schnell wie sie gekommen sind. Das ist schön, doch leider etwas spät.
 
Fazit der Woche
 
Werner brauchte sich dank seiner neuen und vorher eingelaufenen Bergschuhe nicht mehr mit Blasen herumplagen. Winfried und Neuling Josef haben sich trotz zeitweiser Konditionsprobleme gut gehalten. Norbert, Dieter und ich waren dank unserer sportlichen Vorbereitungen sehr gut kondioniert. Uns allen hat die Woche trotz einiger Strapazen super gefallen und wir haben jetzt schon beschlossen, die nächste Tour genauso und nochmals hier zu planen.
 
Diese relativ unberührte, aber auf jeden Fall unverbaute Natur im Nationalpark Hohe Tauern hat es uns angetan und wir wollen den Venediger weiter um- wenn möglich überwandern.
 
Ich empfehle jedem, sich mit heftigen Schmerzen nicht wochenlang vom Hausarzt trösten zu lassen, sondern sich sofort vom Facharzt behandeln zu lassen.
 
Diese Woche war trotz einiger Mühe ein Bergerlebnis erster Güte.
 
Unsere Wochenleistung: 81km / 5596hm+ / 5447hm- /29,25Stdn
 
Bergheil!
 


 

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